Arnold Mendelssohn (1855-1933)

Arnold Mendelssohn (1855-1933)

Das 19. Jahrhundert ist – auch – das Zeitalter der philosophischen Religionskritik. Was Immanuel Kant mit der Zertrümmerung der rationalen Gottesbeweise begonnen hat, weitet sich in den folgenden Generationen zu einem neuen, säkularen Weltbild aus.

Die Musik ist hier keine Ausnahme. Wo Johann Sebastian Bach seine Kantaten und Oratorien noch als Teil seines Amtes geschrieben hatte, lösen sich die großen Äste des musikalischen Schaffens im Grunde noch zu seinen Lebzeiten von der Institution Kirche. Bereits Mozart schuf für den Salzburger Kirchendienst auf Anweisung des Erzbischofs Coloredo lediglich Kurzmessen. Die große c-moll-Messe, KV 427, entstand komplett außerhalb jeglichen kirchlichen Umfeldes. Dasselbe gilt für Beethovens op. 123, die Missa Solemnis.

Im katholisch-kirchlichen Umfeld etabliert sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Form der „Deutschen Singmesse“, kleinformatigen, leicht ausführbare und kurze Gebrauchsmusiken für die Liturgie, die im krassen Gegensatz stehen zu den monumentalen Leistungen, die parallel im Bereich der Oper oder Symphonik erbracht wurden.

Auch die evangelische Kirchenmusik löst sich im 19. und 20. Jahrhundert von der Liturgie. Die Oratorienproduktion wird vom Bürgertum getragen. Der „Paulus“ von Felix Mendelssohn Bartholdy bspw. wurde vom Frankfurter Cäcilienverein in Auftrag gegeben, einer Chorvereinigung. Auch das „Deutsche Requiem“ hat Brahms als frei zusammengestellte Trostmusik verstanden. Es hat nichts zu tun mit dem liturgischen Requiem, wie es das Tridentinische Konzil gegen 1570 festgelegt hat.

Die Motette, eine der ältesten Formen der Abendländischen Musik überhaupt, hat ebenfalls auf die Schwerpunktverlagerung reagiert: Zahlreiche Werke der Motettenproduktion nach 1800 hätte Johann Sebastian Bach als einfachen Choralsatz angesehen. Daneben entstehen allerdings auch komplexere Werke innerhalb der Gattung. Die drei Motetten Max Regers aus op. 110 sind in leistungsfähigeren Kantoreien relativ bekannt. Deutlich unbekannter ist die exquisite, ebenfalls nicht ganz einfach auszuführende Chormusik Arnold Mendelssohns.

Arnold mendelssohnArnold Mendelssohn, Wahl-Darmstätter, war Komponist, Pädagoge und eigenwilliger Denker    von ausnehmend großem geistigen Horizont. Geboren wurde er am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1855 in Ratibor/Schlesien als Sohn eines Vetters Felix Mendelssohn Bartholdys. Früher Klavierunterricht. Den Versuch eines Jurastudiums brach er bereits im ersten Semester wieder ab, um sich stattdessen in Berlin im Studienfach Kirchenmusik einzuschreiben.

Nach seinem Abschluss im Jahr 1878 folgte eine Kirchenmusikerstelle nebst Lehrauftrag an der Universität in Bonn. Weitere Stationen waren Bielefeld und Köln, bevor er 1890 die neugeschaffene Stelle des Kirchenmusikmeisters in Darmstadt annahm. Es wurde seine Lebensstelle, in der er die nächsten 43 Jahre, bis zu seinem Tod im Jahre 1933, verblieb. 1906 machte Mendelssohn die Bekanntschaft mit dem damals jungen Thomaskantor und Reger-Freund Karl Straube. Straube wurde zum Auslöser für die Entstehung von Chorwerken Mendelssohns. Eine Reihe von Werken entstanden direkt für die Thomaner in Leipzig.

Auch in Darmstadt selbst hatte Mendelssohn eine blühende Chorlandschaft. Entsprechend aufwendig sind die Motetten aus seiner Feder. Eine Vater-Unser-Vertonung ist bspw. für drei Chöre in zwölf Stimmen geschrieben. Aber auch seine Sammlung op. 90, aus der die Wesselinger Kantorei aktuell probt, enthält tiefe Chormusik. Der „Passionsgesang“ ist eine Motette über Texte aus den „Meditationes“ des Heiligen Augustinus, gesetzt für vier bis, stellenweise, sieben Stimmen.

Mendelssohns Setzweise kommt vom kontrapunktischen Denken her. Tatsächlich hatte er am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt/Main einen Lehrstuhl für Fuge und Kontrapunkt. In dieser Position wurde er u.a. zum Lehrer für den jungen Paul Hindemith.

1933 erlag Arnold Mendelssohn einem Herzinfarkt. Er starb als geachtete Persönlichkeit, sein Tod wurde auch im europäischen Ausland wahrgenommen. Innerhalb einer säkularisierten Umgebung gelang es Mendelssohn, die Kirchenmusik auf einem hohen künstlerischen Niveau zu halten und sie, eben als sakrale Musik, dennoch über den Rand der sonst üblichen reinen Gebrauchsmusiken vieler Zeitgenossen zu erheben. Musik als Kunstform, als Vehikel individuellen Ausdrucks, ist im 19. Jahrhundert in der Kirche nicht mehr zu finden. Ein Brahms ist Anfragen aus kirchennahen Kreisen kaum nachgekommen – und wenn er geistliche Musik schreibt, schreibt er sie, wie so viele, nicht  für die Kirche.

Das ist bei Arnold Mendelssohn anders. Seine Motetten passen in liturgische Kontexte und sind dennoch kunstvoll gearbeitet. Wer sich auf die Suche macht, wird einiges entdecken können.

Quelle des Faksimiles
Quelle der Handschrift Mendelssohns

„Müde, aber glücklich“: Mesale Tolu ist frei! :-)

„Müde, aber glücklich“: Mesale Tolu ist frei! :-)

Am 18. Dezember 2017 ist Mesale Tolu nach siebeneinhalb Monaten aus ihrer Haft entlassen worden. Müde, aber glücklich sei sie.

Hier die Meldung im ZDF 

Endlich!
 
Ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk.
 
Dennoch bleibt ein schales Gefühl latenter Bedrückung, der gefühlten Gegenwart staatlicher Willkür. Mesale darf nicht ausreisen. Erdogans Schatten schwebt weiterhin über ihr. Hinzu kommt die Unberechenbarkeit der türkischen Regierung, die, innerhalb meines Wertesystems, jedes Vertrauen verloren hat.
 
Eine Regierung, die Journalisten wegsperren lässt, ein Präsident, der Gefangene als Lösegeld missbraucht, hat mit einem modernen Rechtssystem nichts zu tun.
 
So schön die Nachricht von Mesales Freiheit ist: Wirklich erleichert kann ich erst dann sein, wenn sie wieder in Deutschland ist, wenn die Reisebeschränkungen aufgehoben sind, wenn nicht zuletzt eine umfassende Amnestie in Gang kommt, innerhalb derer jede/r, die/der des „Verbrechens“ der Meinungsäußerung in Ton, Schrift oder Bild verklagt ist, wieder auf freien Fuß kommt. Das Schicksal von Deniz Yüksel ist nur das prominenteste Beispiel.
 
Im Moment steht die türkische Regierung, steht Erdogan, gegen alles, was eine moderne, humanitäre Gesellschaft ausmacht. Die Diskussion um die Todesstrafe scheint in der Türkei nach wie vor aktuell zu sein. Rückschritte im Erziehungssystem – hin zu irgendwelchen religiös-fundamentalistischen Stundenplänen, weg von Mathematik und Evolutionsbiologie. Warum sollte nicht das Individuum nicht selbst entscheiden können, was stimmig ist? Und was nicht?
 
Eine Regierung, die aufoktroyiert, was Menschen zu denken haben? Die nach wie vor Tausende einsperrt, die gegenpolar denken und publizieren? Ein „Präsident“, der immer noch bockt wie ein Kindergartenkind in der Trotzphase, sowie die Rede auf Kurden und Armenier kommt?
 
Nein!…, die Vorstellung, Mesale Tolu sei aus Gründen der Humanität oder Menschenfreundlichkeit freigelassen worden, fällt mir schwer. Es wird politisch-wirtschaftliches Kalkül sein, das Erdogan interessiert und dessen Handeln steuert.
 
Sei’s drum: Im Moment ist Mesale frei. Sie ist bei ihrer Familie, bei ihrem kleinen Serkan. Möge es für immer so bleiben! Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Mesales „kluger, spitzer Stift“ die Welt weiterbringt, als die gedanklichen und emotionalen Dürren eines „Präsidenten“, der leider etwas zu genau weiß, was „richtig“ ist und „falsch“.
Von hier aus alles erdenklich Gute und Schöne an Mesale und die gesamte Familie Tolu.

Rechtliche Freigabe der Ballade über Mesale Tolu

Zur Motivation
Die Ballade über das Schicksal Mesale Tolus ist aus meiner Überzeugung heraus entstanden, dass kein Staat und kein Präsident, kein „sonst wer“ das Recht hat, irgendeinen Menschen, welcher Herkunft auch immer, aufgrund seiner politischen, religiösen oder weltanschaulichen Ansichten einzusperren und ihm seine Lebenszeit zu rauben.
Das Schicksal Mesale Tolus steht stellvertretend für zahllose Gefangene des derzeitigen türkischen Staates (2017): Der Berliner Menschenrechtler Peter Steudtner, die Menschenrechtsaktivistin Özlem Dalkiran, den Journalisten Dennis Yüksel, die Direktorin der türkischen Abteilung von Amnesty International Idil Eser, und, und, und. Es sind Zehntausende. Welch‘ eine Regierung!…

Rechtliche Freigabe des Textes
Meine ursprüngliche Idee, die Ballade zu vertonen, ist nicht aufgegeben. Da ich aber (1) nicht die Zeit in’s Land gehen lassen will, bis eine Vertonung fertig ist, und ich (2) weiss, mit der Sorge um das Schicksal der Eingesperrten nicht alleine zu sein, habe ich mir überlegt, den Text für alle freizugeben.
Wer also von den Kreativen im Land die Ballade oder Teile der Ballade verwenden mag, um Mesale und den anderen politisch Gefangenen zu helfen, darf das gerne tun.
Liedermacher, Bands, Theaterleute, Kabarettisten, Literaten, Künstler, Lehrer, YouTuber, alle, die sich inspiriert fühlen, dürfen die Ballade in eigenen Werken oder Programmen oder Kontexten benutzen. Das gilt auch für kommerzielle Veranstaltungen.

Einschränkungen und Distanzierungen
• Die Rechte am geistigen Eigentum der ungekürzten und unveränderten Ballade liegen bei mir als Autor, Thomas Jung. Ebenso bin ich verantwortlich für Form und Inhalt des ungekürzten, unverfremdeten Textes. Für Änderungen, die sich aufgrund von Bearbeitungen durch andere Menschen ergeben, kann ich keine Verantwortung übernehmen.
• Mein Text soll nicht mit dem Ziel zweckentfremdet werden, um Botschaften der Fremdenfeindlichkeit, des Hasses oder der Diskriminierung anderer Menschen, Religionen, Weltanschauungen… zu verbreiten. Wer dies tut, tut dies gegen meinen Willen und gegen meine Intention.
• Das gilt auch in Bezug auf amtierende Politiker. Mein Unverständnis gegenüber der Politik der türkischen Regierung ist umfassend. Unabhängig davon: Bei allen Vorbehalten gelten die Menschenrechte selbstverständlich auch für deren Mitglieder. Wer die Ballade oder Teile der Ballade verwendet, um entgegengesetzte Aussagen zu verbreiten, tut dies gegen meinen Willen und gegen meine Intention.

Zum Schluss
Möge Mesale Tolu mit ihrem Söhnchen Serkan bald frei sein. Lieber gestern als heute. Und mit diesen beiden zwei auch alle anderen, die in türkischen Knästen aus politischen Gründen eingesperrt sind. Den Familien und den betroffenen Menschen viel Kraft und Stärke.