Wer ist Gott?

Eine einfache Frage. Ein Füllhorn voller Antworten. Alle Religionen fragen nach den Eigenschaften des Göttlichen. Oder, im Falle der drei abrahamitischen Religionen, nach denen des „Unum Deo“, des einen Gottes. Die „eine“, schnelle Antwort ist vermutlich den Fanatikern vorbehalten. Alle anderen brauchen länger. Und haben zudem Schwierigkeiten mit der „einen“ Antwort. Im Islam kennt man die Tradition der „99 Namen Allahs“. „Namen“, das sind in diesem Kontext immer zugleich Eigenschaften Gottes, greifbare Aspekte der dem Menschen ansonsten unzugänglichen Unendlichkeit. Die Ziffer 99 steht im islamischen Denken als Chiffre für eben diese Unendlichkeit.

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„Aspekte Gottes“, Cover der Druckausgabe bei Kistner und Siegel, Brühl. Grafik: Katharina Rathers

 

In der Zahlensymbolik ist die 100 das Bild der Vollkommenheit, und Abgeschlossenheit. Gott, so die Mystik, ist die instanziierte Vollkommenheit, abgeschlossen und unendlich offen zugleich. Für den Menschen fasslich ist allenfalls die Ahnung nie endender Variabilität Allahs. Nach einer solchen umfassenden Vollkommenheit Gottes können wir nicht einmal fragen. Daher eben „nur“ 99 Namen, die im islamischen Volksglauben, dem katholischen Rosenkranz ähnlich, als Litanei gebetet werden.

Der Bezug hinüber zum Christentum fällt leicht. Hier wie dort dieselben Bilder, dieselben Konzeptionen. In einer Zeit islamistischen Terrors und rechtpopulistischer Aufwinde in Europa und Amerika scheint es heilsam zu sein, sich zumindest auf religiösem Terrain gemeinsamer Grundlagen zu besinnen. Ich denke das durchaus politisch: Auf dem Gebiet religöser Spiritualität kommt man viel leichter miteinander in’s Gespräch als dort, wo die Religionen mit gesellschaftlichen oder politischen Modellen verwoben ist und eine Diskussion in Regionen unüberwindlicher Gegensätze abgleitet. Banal genug: Wer miteinander spricht und musiziert, schießt nicht aufeinander.

Um die Verbindung zwischen islamischer Tradition und Christentum herzustellen, reicht ein Blick auf den Choral „Wie leuchtet der Morgenstern“ von Philipp Nicolai, Kernbestand des Liedgutes beider großer Konfessionen. Hier nur ein kurzer Blick auf die erste Strophe – Nicolais Lied könnte mehrere Blogbeiträge füllen: Wir finden eine Anreihung von Gottesattributen, die der Kette der „99 Namen Allahs“ entstammen könnte – und es, anbei bemerkt – durchaus tut. Schon die erste Choralzeile beantwortet die Frage nach dem Wesen Gottes dreifach: Gott ist schön, er leuchtet, er ist der Morgenstern. Und weiter: Gott ist gnädig, er ist die Wahrheit, er ist der – wie es im Hebräischen heißt, „Adonai“, der Herr. Wer mag, lese die erste Strophe weiter. Bis auf die grammatisch notwendigen Präpositionen bezieht sich nahezu jedes einzelne Wort auf eine oder – implizit – mehrere Eigenschaften Gottes.

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Philipp Nicolai (1556 – 1608) Bildquelle: Wikipedia

Das ist zugleich die Idee hinter der Partitur der „Aspekte Gottes“. Absichtlich habe ich Bilder und Attribute des jüdischen Glaubens und der griechisch-lateinischen Überlieferungen mit hineingenommen, in einer Umarbeitung auch solche der östlichen Religionen. Denn: Die Vorstellungen sind überall die Gleichen – weil es die Fragen nach dem Göttlichen auch sind, weil wir als Menschen zu allen Zeiten und in allen Sprachen an dieselben unfassbaren Grenzen des Unendlichen stoßen, die eben immer zutiefst im Beziehungsgeflecht der Begriffswelt „Gott-göttlich“ verwurzelt sind.

Segensreich ist es, wenn wir Menschen den Fokus deutlich öfter auf die Gemeinsamkeiten unser aller religiös-spiritueller Herkunft richten würden, als immer wieder über dieselben Unterschiede zwischen Detailfragen der religiösen Ausübung zu zanken. In der weltlichen Erscheinung mögen die Religionen auf ihren jeweils eigenen Wegen durch die Zeiten gehen. Es wäre verwunderlich, wenn es anders wäre: Die Menschen werden zu unterschiedlichen Zeiten, Kulturen, Klimazonen, in verschiedenen geographischen Regionen immer zu differierenden Kultformen kommen – für mich übrigens ein Aspekt des Reichtums, der Schönheit dieser Welt. Dennoch: In jenem Stadium, bevor sich die Welt- und Gottfragen in einer Gesellschaft als bestimmte Kultform manifestieren, im Urgrund ihrer Ideen, im „Ding an sich“, fallen alle Religionen in denselben universellen Fragen zusammen.

Als „Symbol“ für die weltweite Universalität solcher Fragestellungen habe ich die „Aspekte“ so entworfen, dass alle Anwesenden zum Teil der Musik werden – oder jedenfalls werden können. Formal handelt es sich bei dem Stück um eine Choralfantasie über Nicolais „Morgenstern“, nur eben nicht allein für die Orgel, sondern für alles, was in einer Gemeinde an Klangquellen zu Verfügung steht – mit der Einschränkung, den Rahmen probentechnisch und finanziell realisierbar zu halten. Zu diesem Rahmen gehört neben dem Chor auch der Gemeindegesang hinzu, außerdem die Orgel. Aber eben auch Klavier, Bläser, Schlagwerk.

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„Aspekte Gottes“, Partitur. Letzte Seite. Quelle: Thomas Jung

Wer also ist Gott? Beim gegenseitigen Zusingen einiger ihrer/seiner Attribute wachsen aus jeder Antwort neuen Frage an die/den Einzelne/n: Wie füllen wir, was wir singen und hören? Was bedeutet ein „Morgenstern“ in diesem Kontext konkret-inhaltlich? Das „Liebliche“? „Freundliche“? Das was auch immer?… Oft genug sind die Nachrichten voll von den Taten derer, die ihrem unbarmherzigen Gott dienen. Mit allen verheerenden Folgen. Nicht erst Pascal und Udo Lindenberg wissen, dass keine Mutter ihre Kinder verlieren will, sei es in beliebigen „heiligen“ oder „unheiligen“ Kriegen, sei es sonst wo. Ein umbarmherziger Gott läßt seine alles wissenden, unbarmherzigen Fans dieser Welt offensichtlich zu allen Zeiten sehr umbarmherzig mit den Menschen umgehen. Aspekte Gottes sind eben auch Aspekte des Menschlichen.

Neuen Fragen könnten solche nach dem Ziel Gottes sein. Nach dem Ziel der Religionen? Wäre dieses nicht identisch mit dem Ziel allen Lebens? Erhalt und Schutz? Segen und Liebe in behutsamen Umgang miteinander und mit der Schöpfung? Wenn das so ist, wenn also Lebenserhalt ein Ziel ist – sind dann Gesetzesreligionen mit Höllenfeuer im Jenseits und beliebigen Restriktionen bis zu Verstümmelung und Tod im Diesseits zielführend? Wäre ein strafender, umbarmherziger Gott zielführend auf dem Weg hin zu einem liebevollen Umgang miteinander? Ist es das Konstrukt einer „Erbsünde“ mit dem daraus resultierenden Menschen- und Frauenbild? Offensichtlich nicht. Es war’s nie – sonst sähe die Welt nach 2000 Jahren anders aus. Es wird’s nie sein. Wenn es stattdessen stimmt, dass Gott die Gaben und Fähigkeiten in jeweils einzigartiger Mischung auf die nach seinem („erbsünden“-freien) Ebenbild geschaffenen Menschen verteilt hat, wer sind wir dann, dass wir unsere Begabungen in einer Zwangsjacke religiöser Handlungsanweisungen ersticken und verkümmern lassen?

Die „Aspekte Gottes“ sind im Verlag Kistner und Siegel, Brühl, erschienen.

 

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