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Joh. Seb. Bach, nach dem Gemälde von Elias Gottlob Haußmann von 1746. Quelle: Google, freie Lizenz.

Über diesen Beitrag

Die „Kunst der Fuge“, BWV 1080 ist eines der zentralen Werke des späten Bach. Sie ist eine Sammlung von Fugen (Bach benutzt den älteren Begriff „Contrapunctus“, hier öfter abgekürzt mit „CP“) und Kanons über ein Grundthema in der Tonart d-moll. Die Zweitfassung, die nach 1746 entsteht, hat Bach unvollendet hinterlassen.

Zielgruppe

Dieser Beitrag ist Teil des Materials, das aus meinen Überlegungen zur „Kunst der Fuge“ entstanden ist. Diese Materialien richten sich an Musiker/Innen sowie all‘ jene, die an Bachs Spätwerk interessiert und mit den allgemeinen Begriffen der polyphonen Musik vertraut sind. Die grundsätzliche Kenntnis der „Kunst der Fuge“ selbst ist für das Verständnis der Texte hilfreich. Der vorliegende Text listet einige Grundzüge auf, die mir im Rahmen einer Rekonstruktion der Spätfassung der „Kunst der Fuge“, BWV 1080 wesentlich erscheinen und stellt sie zur Diskussion.

Mit diesem Text gebe ich eine Art Einleitung und Ergebnisreferat zu meinem Essay „Zu Johann Sebastian Bachs ‚Kunst der Fuge‘, BWV 1080 – Ein Gesprächsbeitrag“. Die hier angedeuteten Ideen werden dort ausführlicher begründet. Dessen erster Teil, der sich mit dem Gesamtbau der „Kunst der Fuge“ beschäftigt, steht nach einer Registrierung oder einem Login in einem neuen Menü „Freie Texte“ zum Lesen und zum freien Download bereit.

Voraussetzungen

Die Gefahr der Spekulation ist beim Nachdenken über nicht Vorhandenes und Unvollständiges stets gegeben. Das gilt auch für die „Kunst der Fuge“. Um Spekulationen soweit wie möglich einzuschränken, gelten einige Vereinbarungen. Als verbindlich werden folgende Primärquellen anerkannt:

  • Bachs Notentext der Contrapuncti 1 bis 11 und(!) ihre Reihung sind unantastbar.
  • Der Notentext der Spiegelfugen, der vier Kanons und des Fragments ist unantastbar.
  • Die Zugehörigkeit des Fragments a 3 sogietti zur „Kunst der Fuge“. Begründung im Essay.
  • Die übrigen Manuskripte, die 1750 im Kontext der „Kunst der Fuge“ überliefert wurden (vergl. Essay), gehören nicht zu BWV 1080 hinzu -> Begründung im Essay.

Die ersten beiden Punkte erscheinen mir so basal, dass sie eigentlich nicht weiter diskutiert werden müssen. Zur von Bach gegebenen Reihung zählt allerdings auch, dass Bach keinen Platz für eingestreute Kanons vorgesehen hat. Ich komme weiter unten noch einmal kurz darauf zurück.

Als verbindlich gelten für mich folgende Sekundärquellen:

  • philologische quellenkundliche Ergebnisse der Musikwissenschaft
  • biographische Erkenntnisse der Musikwissenschaft
  • geistesgeschichtliche Entwicklungen in Leipzig und der näheren Umgebung während der Voraufklärung, soweit Bachs Kenntnisnahme aufgrund der Quellenlage als gesichert oder höchst wahrscheinlich gelten kann.
  • Vorsichtige Verwendung der Zahlensymbolik im Bereich der Grundzahlen. Der genaue Rahmen ist im Essay definiert
  • der Nekrolog (ein öffentlicher Nachruf auf Joh. Seb. Bach) von C.P.E.Bach, Agricola und Mitzler.

Unabhängig von den Quellen selbst bleibt darüber hinaus das Problem, wie die Zeugnisse zu werten sind. Grundsätzlich gehe ich dabei von der einfachsten Möglichkeit aus, die die Quellenlage zulässt. Ein Beispiel hierfür am Nekrolog: Es scheint mir selbstverständlich zu sein, den Berufsmusikern C.P.E. Bach und Agricola sowie dem umfassend gebildeten Bachschüler Mitzler die Fähigkeit zuzugestehen, eine Quadrupelfuge von einer anderen Art Fuge unterscheiden zu können. Eine solche dedizierte Differenzierung treffen sie im Nekrolog, also in einer für die breite Öffentlichkeit bestimmten Äußerung. Wer die Aussage der drei inhaltlich dennoch umkehrt, scheint mir in einer argumentativen Bringschuld zu stehen.

Aufbau der „Kunst der Fuge“

Da die „Kunst der Fuge“ im Druck erscheinen sollte, hat Bach die Druckvorlagen überwacht. Diese sind bis CP 11 gesichert. Aus dem bis hierher Vorhandenen lassen sich die folgenden vier „Säulen“ ableiten, auf denen die „Kunst der Fuge“ ruht:

  • Das Grundthema unterliegt der Wandlung.
  • Die satztechnische Komplexität nimmt zu.
  • Die einzelnen Fugen sind in Gruppen organisiert.
  • Bach vermeidet strukturelle Wiederholungen.

Daraus ergibt sich folgender Aufbau:

  • Die Spiegelfugen bilden eine eigene vierte Gruppe.
  • Die Kanons bilden zwanglos eine eigene fünfte Gruppe, die bzgl. ihrer Reihenfolge ihrerseits den Bauprinzipien des Gesamtwerks folgt (Zunahme der satztechnischen Komplexität).

Aus dem letzten Punkt folgt die aufführungspraktische Erkenntnis, dass das übliche Auseinanderreissen und Verteilen der Kanons nicht der Wille Bachs war. Die Druckvorlagen bis CP 11 sehen, wie oben bereits erwähnt, keine Lücke für einzelne Kanons vor. Im Gegenteil zerreisst die häufige Praxis des beliebigen Verteilens der vier Kanons offensichtlich Bachs architektonischen Grundriss, auf dem er die „Kunst der Fuge“ baut.

Das Fragment als Einzelsatz widerspricht dem Gruppenprinzip. Die Quellenforschung hat einen Hinweis dafür gefunden, dass Bach für die Position vor den Kanons eine große Fuge von etwa 280 Takten Länge vorgesehen hat. (Quellen und Details wiederum im Essay). Das Fragment hat sowohl die Struktur als auch die Länge, um diese Position auszufüllen.

Für die Schlussposition postuliert der Nekrolog eine finale Quadrupelfuge. Damit ergibt sich eine erweiterte fünfte Gruppe, in deren Zentrum die vier Kanons stehen, die aber ihrerseits von einer führenden Tripelfuge und einer abschließenden Quadrupelfuge gerahmt sind.

Der Aufbau der „Kunst der Fuge“ wäre demnach der Folgende:

  • Gruppe 1: Vier Einzelfugen (CP 1-4)
  • Gruppe 2: Drei Augmentations- und Diminutionsfugen (CP 5-7)
  • Gruppe 3: Vier Mehrfachfugen (CP 8-11)
  • Gruppe 4: Zwei Spiegelfugenpaare (CP 12 und 13)
  • Gruppe 5: Das Fragment als Tripelfuge (CP 14), vier Kanons, eine vollständig fehlende Quadrupelfuge (CP 15).

Das Problem liegt auf der Hand: Es gibt keinen Contrapunctus 15 von Bach. Allerdings lassen sich aus Bachs Notenbestand formale Rahmenbedingungen für eine solche Fuge ableiten. Details hierzu stehen wiederum im Essay. Die entsprechende Partitur ist Teil des Materials zur „Kunst der Fuge“. Ein Ausschnitt steht nach der Registrierung ebenfalls zum Download zur Verfügung. Die Gesamtpartitur ist bei Gefallen im Bereich für registrierte Besucher/Innen via PayPal oder Überweisung käuflich zu erwerben.