Die Musik ist grandios: Regers Vertonung des 100. Psalms, op. 106. Ein viersätziges Monumentalwerk für Soli, große symphonische Besetzung und, im Kern zumindest, vierstimmigen Chor – wobei sich die Chorstimmen im Verlauf des Werkes immer wieder verschiedentlich auffächern. Der Chor darf demnach gerne eher riesig als „nur“ groß besetzt sein.

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Der Schwierigkeitsgrad ist jenseits dessen, was viele Kantoreien oder Kirchenchöre leisten können, oft leisten wollen. Die Kosten einer Aufführung sind immens. „Erschwerend“ kommt hinzu, dass der Psalm mit seinen etwa 30 Minuten Aufführungsdauer nicht abendfüllend ist. Tatsächlich hat Reger die Partitur der ersten drei Sätze 1908 anläßlich des 350-jährigen Gründungsjubiläums der Universität zu Jena geschrieben. Der Psalm war gedacht als musikalisches Zentrum innerhalb einer größeren Rahmenfeierlichkeit. 1910 hatte Reger schließlich die abschliessende Fuge „nachgereicht“. Als oppulente gottesdienstliche Musik wäre der Psalm innerhalb einer größeren Liturgie zu besonderer Gelegenheit sicherlich passend. Der Aufwand jedoch wäre jenseits jeder üblichen Dimension. Im Rahmen eines Konzerts blieben die Erwägungen, was sich einer solchen Partitur an die Seite stellen ließe.

Die Musik bleibt großartig – und 2016 ist ein Regerjahr. Auch vorher habe ich über Möglichkeiten nachgedacht, die Partitur auf die Orgel zu übertragen. Das Regerjahr wurde dann zum äußeren Anlass, mit konkreten Entwürfen zu beginnen – und die der ersten Sätze sehr schnell wieder zu verwerfen. Eine Reihe von Gründen sprechen gegen eine solche Übertragung – dies möge man bitte als sehr subjektive Einschätzung lesen. Es würde mich freuen, wenn andere zu gegenteiligen Ergebnissen kämen und sich erfolgreich weiterer Teile des Psalmes annehmen würden. In meinen Entwürfen jedoch haben schon die Eröffnungstakte auf der Orgel nicht gut „funktioniert“ – schon gar nicht, wenn man das Original im Kopf hat. Zudem gibt es viele Partien, die, ohne das hier zu vertiefen, in meinem Empfinden erst mit dem zugehörigen Text verständlich werden. Der Ländler des dritten Satzes wiederum scheint mir für eine/n einzelne/n Spieler/In aufgrund der „qirligen“ Violinstimme als Ganzes nur schwer auf der Orgel darstellbar, will man die Substanz des Regerschen Satzes nicht reduzieren. Von einer Übertragung habe ich daher abgesehen.

Die Schlussfuge hingegen wirkt als polyphone Form auch in ihrer instrumentalen Fassung. Im Kern haben wir eine große Choralbearbeitung vor uns, vergleichbar derer, wie sie Reger in den Choralfantasien für Orgel geschrieben hat. „Denn der Herr ist freundlich und seine Gnade währet ewiglich“, so der Text des Schlußsatzes aus op. 106, ist als Doppelfuge gestaltet, in deren letztem Teil Luthers Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ mit den beiden Fugenthemen enggeführt und, mit apotheotischer Wirkung, die Choralmelodie vollständig durchgeführt wird.

Man ahnt es: Die Übertragung auf die Orgel wendet sich an gleichermaßen musikalisch wie technisch versierte Organist/Innen. Obgleich ich in mehrern Arbeitsgängen eine Reihe von Stellen erleichtern konnte, liegt der Schwierigkeitsgrad des Stückes immer noch gleichauf mit bspw. Regers eigener „Halleluja“-Fantasie, op. 52/3.reger_fugenthemen_med_hrIm Gegenzug ist dafür sehr viel der Regerschen Originalsubstanz erhalten geblieben. Als Lohn für die Übe-Mühen ist das Repertoire um eine große Konzertfuge mit Hang zum Monumentalen erweitert, deren Aufführung auf einem hinreichend großen Instrument, das – um Regers eigenes rustikales Bonmot zu zitieren – „werte Publikum als Flachrelief an der Wand klebend“ zurückzulassen in der Lage sein kann.

Erschienen sind die Noten zum Preis von 9,95 € im Verlag Kistner und Siegel in Brühl. Einen unvollständigen Probeausdruck in niedriger Auflösung können sie hier als PDF-Datei auf Ihren Rechner herunterladen.

Anbei: Der Bonner Butz-Verlag bietet eine weitere Bearbeitung des kompletten Pslams an. Francois Callebout hat dort „nur…“ das Orchester auf die Orgel übertragen. Die Chorpartien bleiben unverändert, so dass leistungsfähigen Kantoreien damit eine praktische Ausgabe zur Verfügung steht, die – eine/n fähige/n Organist/In vorausgesetzt(!) – zumindest die finanziellen Hürden einer Aufführung mindert. Der Schwierigkeitsgrad bleibt aber auch hier bestehen – für alle Beteiligten.

Bildquellen

Partiturausschnitt: Edition Peters: IMSLP; Ausschnitt aus der Orgelbearbeitung: Thomas Jung