Prolog
Dies ist ein Lied von einem, der meist unpolitisch denkt,
solang sich Politik auf’s Glück von Welt und Mensch bezieht.
Solang‘ grundsätzlich sicher ist, dass keinem Leid geschieht,
der, jenseits aller Mehrheit, fremden Ansichten anhängt.

Dies ist ein Lied von einem, der sonst unpolitisch denkt,
der Parlament und Gremien ihre Arbeit machen lässt.
So war es lange Zeit. Doch konsterniert stell‘ ich heut fest,
wie unreif mancher ist, der unsre Weltgeschicke lenkt.

„Mächtig“ und unreif
Der Weg humanen Denkens fordert Weisheit und Verstand.
Jedoch: Was für Gestalten sind in West und Ost im Amt!
Der eine ohne Bücher, geistlos, nur für’s Geld entflammt.
Der andre hat in Angst und Religionswahn sich verrannt.

Der letzt’re ist ein Türke. Schnell beleidigt und pikiert,
sperrt er Autoren, Journalisten, wen auch immer, fort.
Beschimpft sie als Putschisten, Terroristen, deren Ort
der Kerker sei, auf Jahre malträtiert und drangsaliert.

Man munkelt von Zehntausenden(!), die ohne ein Verfahr’n
als türkische Gefangene in düst’re Zukunft schaun.
Zehntausende! Obszön! Selbst Kinder! Nun, wie viele Fraun
und Männer wohl zur falschen Zeit am falschen Ort nur war’n?

Mesale in staatlicher Willkür
Der Weg humanen Denkens fordert Weisheit und Verstand.
Dies gilt für jeden, sei er auch in allerhöchstem Amt.
Das Amt bleibt schal, solange die Person darin entstammt
dem geistigen Proletentum, klein und intolerant.

Die meisten Opfer: Namenlos. Vergraben im Verlies.
Nur ein Fall unter Tausenden sei aufgeschrieben hier:
Mesale Tolu und ihr Kind, ihr Söhnchen, nicht mal vier,
die jener „Präsident“ im Wahn wegsperrte und verstieß.

Das freie Wort ist ihr „Verbrechen“, dessen sie beklagt.
Die Polizei, in schweren Waffen, brach nachts ein ins Haus,
zertrümmerte die Tür. In Handschell’n schleppt man sie hinaus,
bedroht ihr Kind, reisst’s fort. Die Nacht schluckt, was sie angstvoll fragt.

Als Grund heißt’s heut‘, sie habe Terrorismus propagiert,
sei Mitglied einer Links-Partei, die’s Recht unterminiert.
Ihr drohen bis zu zwanzig Jahre in Gefängnishaft.
Mesale jedoch ist es nicht, die „Recht“ durch Unrecht schafft.

Mesale in europäischem Kontext
Der Weg humanen Denkens fordert Weisheit und Verstand.
Humanität geht stets mit Güt‘ und Klugheit Hand in Hand.
Fehlt beides, dann regiert die Angst den „Mächtigen“ im Amt,
zerfrisst ihn, Furcht steht Pate, wenn Familien er verdammt.

Voltaire und Lessing schärften einst das Denken und den Blick.
Der Schutz von Freiheit, meint man, sei – ein – Sinn von Politik.
Grad‘ die mit andrer Meinung war’n von Kants Gesetz geschützt.
Viel Blut floss seither für ein Recht, das allen Menschen nützt.

„Geben Sie Gedankenfreiheit, Sir!“
Herr Präsident: Respekt schafft nicht Ihr Amt! Zu akzeptier’n,
dass and’re Sie zuweil’n mit scharfer Feder karikier’n,
nicht wegzusperr’n als „Terroristen“, wer im Ton aneckt,
ist grundsätzliche Basis hier – vor! – jeglichem Respekt.

Herr Präsident: Autoren sind, wenn’s Ihnen auch nicht passt,
oft Kluge, deren Denken Mensch und Welt und Gott umfasst.
Die Klugen bau’n am Wissen, wie am Schiff der Ingenieur.
Erhalten Sie sie: „Geben Sie Gedankenfreiheit, Sir!“

Herr Präsident: Durch Staatsterror vermehrt sich die Gewalt.
Sie wollen keinen Terror und verleih’n ihm doch Gestalt?
Herr Präsident: Solch‘ Art der Politik ist schlicht Betrug.
Europa hat von jeder Art Despotentum genug.

Epilog
Dies ist ein Lied von einem, der oft unpolitisch denkt.
Gerichtsbarkeit jedoch, die scharfe Urteile verhängt
an Menschen, die nur schrieben, die sonst nie ein Leid getan,
ruft unpolitisch Fühlende politisch auf den Plan.

Herr Präsident: Die Welt hat manchen Aufstand schon erlebt.
Sie wären nicht der erste, dessen Reich von innen bebt.
Herr Präsident: Europa hat die Aufklärung gesehn.
Woll’n Sie Europas Nachbar werden, lern’n Sie sie versteh’n!

Den freien Geist verschmähen Sie. Das Geld verschmäh’n Sie nicht!
Doch unsre Wirtschaft schaut auch auf den Menschenrechtsbericht.
Dazu gehört das off’ne Wort in Rede und in Schrift,
zudem Mesales Freiheit – und ihr kluger, spitzer Stift.

Thomas Jung, 11.10.2017

Liebe Mesale, alles erdenklich Gute und Kraft und Zuversicht.