„Müde, aber glücklich“: Mesale Tolu ist frei! :-)

„Müde, aber glücklich“: Mesale Tolu ist frei! :-)

Am 18. Dezember 2017 ist Mesale Tolu nach siebeneinhalb Monaten aus ihrer Haft entlassen worden. Müde, aber glücklich sei sie.

Hier die Meldung im ZDF 

Endlich!
 
Ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk.
 
Dennoch bleibt ein schales Gefühl latenter Bedrückung, der gefühlten Gegenwart staatlicher Willkür. Mesale darf nicht ausreisen. Erdogans Schatten schwebt weiterhin über ihr. Hinzu kommt die Unberechenbarkeit der türkischen Regierung, die, innerhalb meines Wertesystems, jedes Vertrauen verloren hat.
 
Eine Regierung, die Journalisten wegsperren lässt, ein Präsident, der Gefangene als Lösegeld missbraucht, hat mit einem modernen Rechtssystem nichts zu tun.
 
So schön die Nachricht von Mesales Freiheit ist: Wirklich erleichert kann ich erst dann sein, wenn sie wieder in Deutschland ist, wenn die Reisebeschränkungen aufgehoben sind, wenn nicht zuletzt eine umfassende Amnestie in Gang kommt, innerhalb derer jede/r, die/der des „Verbrechens“ der Meinungsäußerung in Ton, Schrift oder Bild verklagt ist, wieder auf freien Fuß kommt. Das Schicksal von Deniz Yüksel ist nur das prominenteste Beispiel.
 
Im Moment steht die türkische Regierung, steht Erdogan, gegen alles, was eine moderne, humanitäre Gesellschaft ausmacht. Die Diskussion um die Todesstrafe scheint in der Türkei nach wie vor aktuell zu sein. Rückschritte im Erziehungssystem – hin zu irgendwelchen religiös-fundamentalistischen Stundenplänen, weg von Mathematik und Evolutionsbiologie. Warum sollte nicht das Individuum nicht selbst entscheiden können, was stimmig ist? Und was nicht?
 
Eine Regierung, die aufoktroyiert, was Menschen zu denken haben? Die nach wie vor Tausende einsperrt, die gegenpolar denken und publizieren? Ein „Präsident“, der immer noch bockt wie ein Kindergartenkind in der Trotzphase, sowie die Rede auf Kurden und Armenier kommt?
 
Nein!…, die Vorstellung, Mesale Tolu sei aus Gründen der Humanität oder Menschenfreundlichkeit freigelassen worden, fällt mir schwer. Es wird politisch-wirtschaftliches Kalkül sein, das Erdogan interessiert und dessen Handeln steuert.
 
Sei’s drum: Im Moment ist Mesale frei. Sie ist bei ihrer Familie, bei ihrem kleinen Serkan. Möge es für immer so bleiben! Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Mesales „kluger, spitzer Stift“ die Welt weiterbringt, als die gedanklichen und emotionalen Dürren eines „Präsidenten“, der leider etwas zu genau weiß, was „richtig“ ist und „falsch“.
Von hier aus alles erdenklich Gute und Schöne an Mesale und die gesamte Familie Tolu.

Mesale Tolu – Eine kurze Ballade

Prolog

Dies ist ein Lied von einem, der meist unpolitisch denkt, solang sich Politik auf’s Glück von Welt und Mensch bezieht. Solang‘ grundsätzlich sicher ist, dass keinem Leid geschieht, der, jenseits aller Mehrheit, fremden Ansichten anhängt.

Dies ist ein Lied von einem, der sonst unpolitisch denkt, der Parlament und Gremien ihre Arbeit machen lässt. So war es lange Zeit. Doch konsterniert stell‘ ich heut fest, wie unreif mancher ist, der unsre Weltgeschicke lenkt.

„Mächtig“ und unreif

Der Weg humanen Denkens fordert Weisheit und Verstand. Jedoch: Was für Gestalten sind in West und Ost im Amt! Der eine ohne Bücher, geistlos, nur für’s Geld entflammt. Der andre hat in Angst und Religionswahn sich verrannt.

Der letzt’re ist ein Türke. Schnell beleidigt und pikiert, sperrt er Autoren, Journalisten, wen auch immer, fort. Beschimpft sie als Putschisten, Terroristen, deren Ort der Kerker sei, auf Jahre malträtiert und drangsaliert.

Man munkelt von Zehntausenden(!), die ohne ein Verfahr’n als türkische Gefangene in düst’re Zukunft schaun. Zehntausende! Obszön! Selbst Kinder! Nun, wie viele Fraun und Männer wohl zur falschen Zeit am falschen Ort nur war’n?

Mesale in staatlicher Willkür

Der Weg humanen Denkens fordert Weisheit und Verstand. Dies gilt für jeden, sei er auch in allerhöchstem Amt. Das Amt bleibt schal, solange die Person darin entstammt dem geistigen Proletentum, klein und intolerant.

Die meisten Opfer: Namenlos. Vergraben im Verlies. Nur ein Fall unter Tausenden sei aufgeschrieben hier: Mesale Tolu und ihr Kind, ihr Söhnchen, nicht mal vier, die jener „Präsident“ im Wahn wegsperrte und verstieß.

Das freie Wort ist ihr „Verbrechen“, dessen sie beklagt. Die Polizei, in schweren Waffen, brach nachts ein ins Haus, zertrümmerte die Tür. In Handschell’n schleppt man sie hinaus, bedroht ihr Kind, reisst’s fort. Die Nacht schluckt, was sie angstvoll fragt.

Als Grund heißt’s heut‘, sie habe Terrorismus propagiert, sei Mitglied einer Links-Partei, die’s Recht unterminiert. Ihr drohen bis zu zwanzig Jahre in Gefängnishaft. Mesale jedoch ist es nicht, die „Recht“ durch Unrecht schafft.

Mesale in europäischem Kontext

Der Weg humanen Denkens fordert Weisheit und Verstand. Humanität geht stets mit Güt‘ und Klugheit Hand in Hand. Fehlt beides, dann regiert die Angst den „Mächtigen“ im Amt, zerfrisst ihn, Furcht steht Pate, wenn Familien er verdammt.

Voltaire und Lessing schärften einst das Denken und den Blick. Der Schutz von Freiheit, meint man, sei – ein – Sinn von Politik. Grad‘ die mit andrer Meinung war’n von Kants Gesetz geschützt. Viel Blut floss seither für ein Recht, das allen Menschen nützt.

„Geben Sie Gedankenfreiheit, Sir!“

Herr Präsident: Respekt schafft nicht Ihr Amt! Zu akzeptier’n, dass and’re Sie zuweil’n mit scharfer Feder karikier’n, nicht wegzusperr’n als „Terroristen“, wer im Ton aneckt, ist grundsätzliche Basis hier – vor! – jeglichem Respekt.

Herr Präsident: Autoren sind, wenn’s Ihnen auch nicht passt, oft Kluge, deren Denken Mensch und Welt und Gott umfasst. Die Klugen bau’n am Wissen, wie am Schiff der Ingenieur. Erhalten Sie sie: „Geben Sie Gedankenfreiheit, Sir!“

Herr Präsident: Durch Staatsterror vermehrt sich die Gewalt. Sie wollen keinen Terror und verleih’n ihm doch Gestalt? Herr Präsident: Solch‘ Art der Politik ist schlicht Betrug. Europa hat von jeder Art Despotentum genug.

Epilog

Dies ist ein Lied von einem, der oft unpolitisch denkt. Gerichtsbarkeit jedoch, die scharfe Urteile verhängt an Menschen, die nur schrieben, die sonst nie ein Leid getan, ruft unpolitisch Fühlende politisch auf den Plan.

Herr Präsident: Die Welt hat manchen Aufstand schon erlebt. Sie wären nicht der erste, dessen Reich von innen bebt. Herr Präsident: Europa hat die Aufklärung gesehn. Woll’n Sie Europas Nachbar werden, lern’n Sie sie versteh’n!

Den freien Geist verschmähen Sie. Das Geld verschmäh’n Sie nicht! Doch unsre Wirtschaft schaut auch auf den Menschenrechtsbericht. Dazu gehört das off’ne Wort in Rede und in Schrift, zudem Mesales Freiheit – und ihr kluger, spitzer Stift.

Thomas Jung, 11.10.2017

Liebe Mesale, alles erdenklich Gute und Kraft und Zuversicht.

Freiheit für Mesale Tolu

Es hat leider nichts mit Musik zu tun. Es sind die immer gleichen Nachrichten über den gewaltsamen Umgang mit Menschen, die einfach nur friedlich leben und ihren Job tun. Da ich solche Nachrichten zunehmend weniger ertrage, hier ein politischer Beitrag mit der Einladung, sich zu beteiligen. Am 30. April 2017 wurde die türkisch-deutsche Journalistin Mesale Tolu früh um vier Uhr in Gegenwart ihres zweijährigen Sohns von schwer bewaffneten Polizisten verhaftet. Der offizielle Grund wechselt zwischen Propaganda für linke Terrorgruppen und Spionage. Ihr einziges „Vergehen“: Das Verfassen von Artikeln, die der türkischen Regierung nicht genehm sind. Details finden Sie, wenn Sie auf das Bild links klicken. Ich kenne Mesale Tolu nicht persönlich. Aber ich weiß, dass kein menschliches Wesen diese Behandlung verdient und dass das freie Wort ein Teil der ethischen Grundkoordinaten in Europa ist. Jeder Mensch, der ohne Vergehen weggesperrt wird, ist eine Anklage gegen das humanistische Weltbild, für das Europa seit der Aufklärung steht. Die meisten Namen der Opfer kenne ich nicht. Die Namen von Mesale Tolu und Deniz Yüksel hingegen wohl. Daher habe ich die Kampagne für den einen unterschrieben und für die andere eine Petition eröffnet, da ich keine bereits Bestehende finden konnte. Sie erreichen sie über den nebenstehenden „Join the campaign“-Link. Unabhängig davon: Eine gewaltsame Trennung des Kindes von der Mutter wirkt für beide traumatisch. Mit Blick auf die kindliche Entwicklungspsychologie sind die Folgen geradezu verheerend und nebenher sorgen die türkischen Behörden auf die mit Abstand nachhaltigste Art und Weise dafür, die Gewalt in die nächste Generation zu tragen. Ist das der Sinn von „Politik“? Warum können Menschen nicht einfach friedlich leben, ohne befürchten zu müssen, aufgrund ihrer Meinung, ihrer Herkunft, ihrer Religion wegen verfolgt oder eingesperrt zu werden? Oder Schlimmeres… Sind Sie, Herr Erdogan, in Ihrer neu gewonnenen politischen Macht immer noch so schwach, dass Sie eine Journalistin wegsperren müssen, die einfach nur ihren Job macht? Ist wirkliche, innere Stärke nicht die Fähigkeit, die Meinungen anderer zulassen zu können? Überhaupt: Warum müssen solche Fragen im 21. Jahrhundert eigentlich immer noch gestellt werden? Lassen Sie Frau Tolu bitte frei.